
Berlin - 01. - 02.11.07
Der place-to-be in Germany, der sollte es sein. Da wo alle hinwollen, da wo alle Wichtigen zu sein scheinen und da wo jede Band unbedingt mal gespielt haben muss. Wir also hin: Berlin - Friedrichshain. Aber nicht irgendwann, sondern genau an dem Tag, an dem eben all diese gesammelt nach München gurken. MTV European Music Awards Munich. “Haha!” denken wir uns. Anhänger eingeräumt, die Meute eingesammelt und los. Fahren darf die ganze Geschichte dummerweise nur der Hase - 3,5 Tonnen, you know? - und Charly beschliesst sich um dessen Fahrt-Entertainment zu kümmern. 9 1/2 Stunden dauert das ganze und man erreicht müde, aber sicher das doch recht wild-rustikal anmutende Gelände rund um den RAW -Tempel. Die Leute sind recht angenehm, Hase trifft alte Bekannte und wir arrangieren uns soundtechnisch mit den “Breakers”, der Hauptband des Abends. Diese erfüllen 1:1 alle erfolgsrelevanten Punkte einer kleinen bis mittelgrossen Indiekarriere in Deutschland (denke ich mir so):
1. Dänisch und nicht Deutsch - Skandinavia, yeah!
2. Hübsch anzusehen
3. Toll spielen
4. Toll bewegen
5. Super gedresst
6. Kompatibel genug für die Masse und doch cool genug für die stylische Crowd
Auch die erste Band erfüllt zumindest vier der sechs Punkte und wir ahnen leicht fehl am Platz zu sein. Doch ganz so schlimm sollte es nicht kommen. Nach leckerem Essem im unappetitlichen Abbruchhaus mischen wir uns ins übersichtliche Publikum und gucken und trinken Berliner Pils. Eine Stunde später spielen wir unser Set recht ordentlich runter, amüsieren uns und ernten verwirrende Reaktionen. Zwischen den Applaus mischen sich schwer verständliche Rufe von aufmerksamkeitsbedürftigen Jung-Berlinern und sowohl Ab- und Zuneigung als auch Irritation machen sich bemerkbar. Wir verursachen also eine schöne Grüppchenbildung und machen wie immer das allerbeste daraus. Nicht falsch verstehen! Es war nicht scheisse, es war einfach nur eines: Verwirrend. Für das Publikum und für uns. Aber das ist hier so. Den Breakers geht es nicht viel anders und ich höre später, dass die Berliner doch etwas mehr Zeit brauchen, um mit neuen Bands klar zu kommen. Na da müssen wir dann wohl nochma hin, wa? Dann kann ich die Leude da vielleicht auch besser verstehen und wir werden alle noch ganze dicke miteinander!
Andre - unser Host an diesem Tag - ist nicht nur ein sehr netter und lustiger Typ, sondern auch ein toller Gastgeber. Nach ein paar netten Drinks und Jungsgesprächen an der Bar räumen wir ein und fahren in seine ziemlich ansehnliche Wohnung in Kreuzberg, wo wir Host Nr.2 - die Chris - leider nicht mehr treffen, aber Schoko-Goldtaler und Handtücher auf unseren Kissen finden. Auch ein Toast ist um 4 in der Früh noch drin und ich bin verzaubert. Umso mehr, als auf uns nach der Dusche ein wunderbares Frühstück mit Ei und wahlweise Kaffee oder Schwarztee mit Milch und Zucker wartet. Sowas von grossartig sag ich euch!
Und als wir auf der Suche nach See und Jochen - die anderweitig privat, aber nicht weniger toll übernachten - erneut durch ganz Berlin kurven, wächst auch in mir ein kleiner Spross Zuneigung für diese Stadt. Großstädte am Morgen sind toll und da macht auch Berlin keine Ausnahme. Börlin, du und ich, das wird schon noch was…da bin ich mir sicher!
Hamburg - 05. - 06.11.2007
Montag. Wir fahren bereits einen Tag vor dem Auftritt los. Stressfrei - so wollen wir es haben. Mhm. Erster Zwischenfall: München Bauhaus Landsbergerstrasse. Wir wollen Kaffee und eine neue Leselampe. Hase parkt den Van halb auf dem Bürgersteig. Gut soweit. An was wir nicht denken: Benzin fließt in die tieferliegende Ecke des Tanks und wenn es nur noch ganz wenig ist, dann wird’s schwierig. Es kommt wie es kommen muss. Der Bus will nicht mehr. Hase und Charly holen Benzin an der Tanke. Typ will den Kanister nicht rausrücken, verkauft ihn uns aber nach kurzem Hasen-Ausraster doch für 3€. Trichter gibt’s nicht. Also Punicaflasche kaufen, austrinken und aufschneiden. Einfüllen - geht. Die Leselampe geht natürlich nicht, aber nach 2h Münchenrumgefahre schaffen wir es wenigstens auf die Autobahn.
Die Fahrt, ja die Fahrt. Sie war lang, sie war ermüdend und dunkel. Besonders hinten im Bus mit getönten Scheiben und besonders ab 17 Uhr. Wir gucken DVD (max. eine pro Fahrt - Laptop-Akku!) und schauen aus dem Fenster. Gegen 0 Uhr erreichen wir Hamburg und versuchen ca. 20 Minuten lang mit dem Anhänger einzuparken. Schließlich schieben wir ihn in Position. Hase und Charly fahren zu ihrer Übernachtung und wir warten im „Nord”, einer kleinen, netten Kneipe, auf Oli, bei dem wir heute zu dritt übernachten. Der kommt auch sofort und wir trinken Astra Bier und unterhalten uns über Hamburg und Musik im Allgemeinen und den Hafen und Fischessen im Speziellen. Oli ist wahnsinnig nett und überlässt uns großzügig sein ganzes Zimmer und quartiert sich selbst aus. Wir haben zu danken.
Nach einer kurzen Nacht in der ich den anderen mit krankheitsbedingtem Geschnarche den Schlaf raube und dafür dezent halb von der Luftmatratze fliege (es aber am nächsten Tag nicht mehr weiß) machen wir uns auf in die Stadt. Wir fahren mit der U-Bahn zu den Landungsbrücken und als wir aussteigen zeigt Hamburg einmal kurz an diesem Tag sein Sonntagslächeln und wir machen hunderte von Fotos. Von Wasser, Kränen und Segelschiffen. Fischmärkten, Restaurants und Cafes. Tankern, Brücken und uns selbst. Vor allem Jochen und ich finden’s super und wir laufen ein paar Stunden am Hafen entlang. Irgendwann schaffen es auch Hase und Charly aus dem Bett in die Dusche, aus dem Haus vor die Tür und vor allem da hin wo wir sind. Einen Kaffee und einen wunderbar geräucherten Aal später machen wir uns auf Richtung Club.
Die Astra Stube ist sehr klein und wir quetschen uns mit aller Macht zusammen auf die Bühne. Nach dem Soundcheck treffen wir beim Essen eine Regensburger Band, verbrüdern uns und laden die eine Hälfte ein, bei uns in den zwei verbleibenden Betten zu nächtigen. Der Auftritt macht Spaß und viele bekannte Gesichter sind da, die wir begrüßen. Wir rocken uns durchs Set und übertönen die über uns vorbeiziehende S-Bahn um Längen. Klar, dass man danach nicht gleich schlafen gehen kann und so zieht es uns dorthin, wo anscheinend jeder anständige Mucker in Hamburg hingehen muss, wenn er da ist. „Mutter” heißt die kleine aber gemütliche Kneipe, die zu unser aller Glück in unmittelbarer Nähe zur Übernachtung liegt. Es ist zwar eigentlich keiner da, aber unsere bayerische 15-Mann-Crowd, zu der auch Regensburg nun gestoßen ist, macht ihr eigene kleine Feier. Aus Protest trinke ich den anscheinend vielerorts verkannten Wodka-Kirsch (nein, der ist nicht ungefähr so stilvoll wie Eierlikör) und versuche 3/5tel meiner Band abzufüllen. Bei einem funktioniert’s ganz gut und der Rest unterhält sich gelöst während ich mich selbst am meisten zum Trinken animiere. Hase (die gute Seele und das schlechte Gewissen der Band) schreitet aber immer früh genug und vor allem subtil ein, kann aber die letzte Runde Wodka Sprite nicht verhindern. Richtig gehört. Gegen Ende gerate ich in eine kleine Diskussion (Regensburg und ich auf der einen, ein graues, altes Hamburger Nordlicht auf der anderen Seite) und unser Gegenüber will einfach nicht verstehen, was ich ihm zu sagen versuche. Das ist dann auch der Startschuss zum Aufbruch und nachdem keiner mehr auf die Reeperbahn will trotten wir zurück zu unserer Übernachtung. Glücklicherweise läuft noch eine Kochsendung im ZDF und der Schlaf kommt schneller als erhofft.
Hannover - 07.11.2007
Wir gehen noch Frühstücken, verabschieden uns von unseren Regensburgern und brechen auf nach Hannover. Ja was soll man sagen? Die Fahrt ist heute kurz und bevor man überhaupt die Kopfhörer im Ohr hat muss man schon wieder aussteigen. Das „Spandau” ist ein wahnsinnig toll eingerichteter Club etwas außerhalb des Hannover’schen Stadtzentrums. Im Keller ein schöner Konzertraum und das Essen ist spitze. Die besten Vorraussetzungen also. Trügerisch, hätten wir uns denken können. Schock: In Niedersachsen greift schon das Rauchverbot und wir dürfen weder beim Konzert noch oben in der „Lounge” (wow!) rauchen. See und ich kommen uns vor wie Penner als wir frierend vor der Tür im kalten Novemberwind an unseren Zigaretten ziehen und beschließen, dass das doch schon kacke ist mit dieser Rauchgeschichte und so. Anderes Problem: Zum Schluss sind’s in etwa 12 zahlende Gäste und über meinen Unmut kann auch das eingefrorene, falsche Lächeln nicht hinwegtäuschen. Wie immer finden’s alle anderen nicht so schlimm, aber heute kann ich mit Fug und Recht behaupten genervt zu sein. Nicht weil wir vor wenig Leuten spielen. Das ist ok und manchmal muss das so sein und wir haben das alle schon viel zu oft getan, um uns davon groß stressen zu lassen, aber irgendwie will ich mich heute nicht zusammenreißen. Solche Tage gibt es und so einer ist heute. Bald nach dem Auftritt leert sich nicht nur der Keller, sondern der ganze Club (hey, es ist Mittwoch und ja, wir sind in Hannover!) und wir machen uns auf den Heimweg Richtung Hotel, das etwas außerhalb liegt. Ich erlebe noch kurz den bisherigen Tourtiefpunkt, als wir mit knurrendem Magen den auf dem Weg liegenden McDonalds erreichen und feststellen, dass hier um halb 1 nicht mal mehr das M leuchtet und ticke kurz aus. Später im Hotel erklären wir Hase’s und mein Zimmer zum Aufenthaltsraum (weil da darf man rauchen) und er besänftigt mich mit drei Hand voll Chips und zwei Rippchen Schokolade. Dazu trinken wir seeeeehr gemütlich ein Becks und schauen MTV. Das ist immer gut. Mucker schauen auf Hotelzimmern immer MTV (es zu zerlegen können wir uns nicht leisten). Da kann man sehen wer erfolgreich ist und trotzdem scheisse ist oder wer super ist oder (mein favourite!) scheisse ist, man aber trotzdem Respekt haben muss, weil auch mal ne langweilige Dance-, Deppenrock- oder Pop-Nummer einfach gut gemacht ist. (Kritik für Fortgeschrittene). Und nach Jahren in solch schlecht besuchten Konzerträumen, müffligen Pensionen, schlecht gelüfteten Zimmern, kalten Duschen oder komischen Städten hat man einfach Respekt vor Leuten, die damit mal eben richtig Kohle machen. Auch wenn sie Tokio Hotel heißen. Oder Linkin Park. Datt muss man erst ma schaffen!
Ich merke ich breche hier eine Lanze für schlechte Musik. Aber einer muss es ja machen. Das ist wie mit beschissene-Konzerte-spielen, wisst ihr?
Wie? Ein guter Schluss? Ne…fällt mir jetzt ma echt keiner ein. Geh mal eben schlafen. Im Bus. Bonn im Visier.
Bonn - 08.11.07
Bonn besteht vor allem aus einem: Einbahnstrassen und Sackgassen. So dauert es auch etwas länger, bis wir die „Mausefalle” finden. Diese gleicht mehr einem mit Bierwerbung, Postern und anderen unentbehrlichen Rock ‚n’ Roll Acessoires vollgestopftem Pub, als einem Club für Indiemucke und wir staunen nicht schlecht, als wir im letzten Eck - bestens platziert zwischen Klotür und Mischpult - die Bühne erblicken. An die 4 Quadratmeter, aber mit fetter „Schlagzeug-von-unten-Beleuchtung” und dem Flair von hunderten von Auftritten lokaler und überregionaler Gitarrensoligöttern mit schmierigen Haaren, schmerzverzerrtem Gesicht und Hemden die aus schwarzen, engen Lederhosen hängen, die aber trotzdem die Jugendschönheiten verzücken. Wahrlich ein Platz für große Gefühle und geschlossene Augen, so scheint es.
Unser Mischer verspätet sich um gute 2-3 Stunden und so übernehmen wir den Aufbau und die Verkabelung. Wir ja voll so die Profis ausm Studio und so, ne? Aber unsere Erfahrung sollte uns hier nicht viel nutzen. Der Mann-für-alles (wenn Mr. Mischer nicht da ist) scheint hier ein leicht untersetzter Mann in den Mitt- bis Endvierzigern zu sein. Als ich ihn höflich frage, ob er noch ein Mikrofon für mich hätte und ihm auf Nachfrage bestätige, dass ich dieses jene gerne nutzen würde, um die Snaredrum abzunehmen, bläst mir ein rauer Wind um die Ohren. Von „so was gibt’s hier nicht, gab es nie und wird es auch nie geben” bis „wenn de nachher den Hammersound, den der xy hier SCHON IMMER ohne Snaremikro macht, hörst, wirste dich wundern, Junge” über „nene, do” bis „wieso willste das denn bitte, hä? Sach ma! SACH MAAA!!!” ist alles dabei. Ich versichere ihm mehrmals, nur eine Frage und keine Forderung gestellt zu haben und mache mich auf das Parieren des Kinnhackens - der nun mehr als nur zu drohen scheint - bereit. Letztendlich kann ich ihn aber doch besänftigen und er geht seiner Wege.
Am Rande bekommen wir mit, wie sich der FC Bayern das sichere Weiterkommen im UEFA-Cup versaut (Stimmungstief) und nach einer erneuten kurzen Irrfahrt in Bonn und dem Einchecken im „Hotel” begrüßen wir Uwe, der mittlerweile in Köln wohnt, aber in Bonn studiert und später die Speerspitze des Fangetümmels vor der Bühne bilden sollte.
Während der ersten Songs üben wir uns in Galgenhumor, da das mittlerweile auf ein Drittel geschrumpfte Publikum (Freundeskreis der Vorband) keine Anstalten macht, von uns Notiz zu nehmen. Aber wir machen unsere eigene interne Bühnenparty und Hase schließt vorne die Augen, bis wir es zur Mitte des Sets sogar schaffen, ein paar Leute zum Tanzen zu bewegen. Selbige werden allerdings auch gleich vom Dancefloor (der besagte Platz zwischen Mischpult und Klotür, in dem nur Uwe auf einem Barhocker sitzt) vertrieben.
Am Ende wird es doch ganz angenehm und wir lassen es ruhig angehen. Wir erfahren, dass Köln angeblich scheisse ist und räumen ein. Mein Einzelzimmer in der Pension wird heute auserkoren um See und Jochen in kleiner Runde zu verabschieden. Beide müssen am nächsten Tag an den Köln-Bonner Flughafen und back-to-munich. Wir stinken meine Bude noch schön mit McDonalds voll und tauschen Umarmungen aus.
Bonn / Köln - 09.11.07
Ein gemütlicher Tag soll es heute werden. Wir haben frei und schlafen so lange wie wir können. Nach Frühstück im Studentencafe machen wir uns auf nach Köln. Mit Uwe haben wir uns schon auf gemeinsame Freizeitaktivitäten geeinigt und beziehen nach erneutem Cafebesuch in der Kölner Innenstadt unsere Wohnung, die uns heute erneut zur Verfügung gestellt wird. Hase ist überglücklich, denn wir haben WLAN, TV und einen DVD-Player. Ausserdem eine Doppelcouch und eine sich selbst aufblasende Matraze. Ein Klo obendrauf und wir sind glücklich. Hase gibt uns unverzüglich zu verstehen, dass sich seine Abendplanung auf „hier rumhängen” beschränkt, es ihm aber nicht das Herz bräche, wenn wir uns noch ein bisschen herumtreiben. Der Hase ist da leidenschaftslos könnte man sagen. Glücklicherweise ist heute bei Uwe WG-Party und nehmen die Einladung dankbar an. Ein paar U-Bahn-Minuten später sitzen wir in netter Runde beisammen und trinken Bier und Cocktails. Leider lässt sich Charly nicht mehr zur nächsten Runde überreden und macht sich auf den Weg Richtung Heimat. Uwe und ich gehen noch in den Stadtgarten (oder so ähnlich) und machen leicht unästhetisch die Tanzfläche unsicher um danach mit auseinanderfallenden Gesichtszügen bei Burger King (Abwechslung!) zu landen. Zu guter Letzt werde ich sicheren Schrittes zurück in die Wohnung gebracht und falle auf jene erwähnte, sich selbst aufblasende Matratze. Sie ist hart wie Stahl und ich ahne die am nächsten Morgen aufkeimenden Rückenschmerzen schon jetzt. Trotzdem fordert die Müdigkeit schnell ihren Tribut und ich steige mit ein. In das private Schnarchkonzert. Von Charly und mir. Für den Hasen.
Paderborn - 10.11.07
Tag der Premiere. Ein Dreier-Gig wird es heute werden. Zum ersten Mal. Lange geprobt, aber noch nie gemacht. Hase und Charly spielen Gitarre und ich bediene nicht nur das Schlagzeug, sondern auch den iPod. Den Jochen und den See haben wir sozusagen als MP3 dabei. Deshalb muss ich heute mit Kopfhörern spielen, damit wenigstens einer von uns dreien weiß, wo die Musik spielt. Heisst: falls ich hier nen Fehler mache ist alles schön im Arsch. Naja. Wir werden sehen.
Nach kurzem und übersichtlichem Frühstück in Köln machen wir uns auf den 200km langen Weg nach Paderborn. Der Cube-Club ist wirklich ein Würfel und ausserdem eine recht nette Disse mit großer Bühne, auf der wir uns breit machen. 60ies-mässige Dreierbesetzung und Perserteppich. Der Soundcheck dauert etwas länger (ich brauch ja alles auf meinem tollen Kopfhörer) und wir nutzen die Zeit um 4-5 Stücke nochmals kurz zu proben und haben endlich einmal wieder einen kleinen Backstagebereich direkt daneben. Die Leute sind sehr nett zu uns. Es gibt leckeres Essen, gutes Bier und man kümmert sich glänzend um unser Wohlbefinden. Leicht angestresst notieren wir nochmal alle Einzähler (damit See/Jochen in digital auch dann spielen, wenn wir spielen) und gucken Simpsons, um uns abzulenken. Auch Hase ist zum ersten mal leicht nervös und wir harren der Dinge, die da kommen mögen. Der Club öffnet erst um 23 Uhr und wir betreten die Bühne um 23:45 Uhr. Um die 20 Leute haben sich bisher eingefunden (irgendwo ist Ü30-Party - shit! - das ältere, frustrierte Semester fällt weg) und ich stöpsle meine Kopfhörern ein. Zack - schon befinde ich mich abgeschottet in meiner kleinen Computerwelt. Ich höre den Hasen und den Charly (wegen Singen, ne?!), aber kein Publikum mehr. So gross hätte es gar nicht sein können. Ich höre nur noch das Rauschen des Mischpults und zähle ein. „Entkommen”. 1…2…3…4. Hase setzt umgehend und voller Überzeugung zu früh ein und mein Herz beginnt schneller zu schlagen. Die Erkenntnis, dass wir gerade eben schon nach zwei Sekunden nicht mehr auf dem Playback sind („wo’d Musi spuit”), kommt langsam, aber umso härter. Hase läuft leicht rötlich an, dreht sich zu mir um und ich sehe ihn aus großen, blutunterlaufenen Augen und mit leerem Blick an. Irgendwann setzt der Bass vom iPod ein (der Anfang ist nur Metronom - umso schlimmer) und wir beginnen langsam zu begreifen, wo wir sein sollten vs. wo wir gerade sind. Letztendlich retten wir uns alle zusammen in den ersten Refrain und als uns bewusst wird, dass das Publikum von diesem mittelgroßen Debakel nicht das geringste mitbekommen hat (woher sollen sie auch wissen, wie es eigentlich sein sollte, wenn sie das Lied nicht kennen?) finden wir uns immer besser zurecht und machen unsere Sache doch ganz toll. Wir wiederholen noch einmal kurz den gleichen Fehler bei „Unsre Liebe”, sind aber mittlerweile krisenerprobt genug, um auch dieses Problem ohne Ausfälle zu lösen. Als ich nach dem letzten Lied die Stöpsel aus den Ohren ziehe, höre auch ich, dass wir ganz ordentlich Beifall bekommen und nach „März” geben wir auch noch den neuen Discobeat-Partykracher-Song zum besten. Wir fallen erschöpft auf die Couch und eine spürbare Erleichterung macht sich breit. Ha! Geschafft! Wir räumen sofort zusammen (Bühne leer = Tanzfläche) und als alles verstaut ist, fällt auch vom Hasen eine Last ab und wir machen es uns hinten gemütlich. Neben Indiedisco haben Charly und ich noch ein kleines Highlight als wir den Besitzer des Cube Clubs nach mittelhartem Kampf im Kickern in drei Sätzen schlagen und die bayerische Fussballehre wiederherstellen (der FC Bayern verliert an diesem Tag zum ersten Mal in dieser Saison). Hase schläft gute drei Stunden auf der Couch mit Musik im Ohr während die mittlerweile fünfmal so große Partymeute tanzt und als wir um halb 6 in der früh endlich die Abrechnung machen können, haben wir alle denselben Gedanken: Nix Übernachten - Einräumen und losfahren. Hase fühlt sich fit genug und wir hitten die road um 6:15 Uhr morgens. Charly (hatte mit 30min am wenigsten Schlaf) kann nicht mehr und so biete ich mich (schon jetzt vollkommen am Ende) an, Beifahrer zu machen. Die Straßen sind frei und wir kommen gut voran. Ich kämpfe gegen den übermächtigen Drang wegzudämmern und versuche diletantisch den Hasen zu entertainen. Nach dem heftigesten Sekundenschlaf ever meinersteits (eben noch im Bus - zack - jetzt mit gesichtslosem Typen traummässig unterwegs - zack - jetzt wieder im Bus) und von Hasenseite (gerade Strecke - Schnarch - Schräglage - Schock - gerade) tauchen wir kurz in die Tristesse des morgentlichen Autobahn-McDonalds ein. Charly (mittlerweise wahnsinnig ausgeschlafen) übernimmt die Hasen-Beschäftigungs-Position vorne rechts und ich gleite im Schlafsack auf der Rückbank bei trauriger Popmusik langsam hinüber. Zu dem netten gesichtslosen, schwarzen Typen, der da wartet und mir von irgendwo da oben die Hand reicht. Bleibt nur zu sagen: „Hey, komm doch runter!”